Das Wichtigste in Kürze
- Spedition Stickel aus Nagold betreibt seit Ende 2024 zehn batterieelektrische Lkw, sechs Mercedes eActros600 und vier MAN eTGX
- Auf dem Betriebsgelände stehen vier Schnellladesäulen mit acht Ladepunkten hinter einem eigenen 1.000-kW-Trafo, gesteuert durch ein intelligentes Lastmanagement
- Das Land Baden-Württemberg förderte die Ladeinfrastruktur mit rund 240.000 Euro und jedes Fahrzeug mit 75.000 bis 85.000 Euro
- Das Unternehmen nimmt am Reallabor zum netzdienlichen E-Lkw-Laden der NetzeBW teil und liefert damit auch Erkenntnisse für Lastmanagement in der Flotte
- Kundenvorgaben von Mercedes-Benz, Porsche und Bosch machten die Elektrifizierung der Flotte zunehmend zum Wettbewerbsfaktor
Vom PV-Verweigerer zum E-Lkw-Pionier
Als Christian Stickels Tochter vor einigen Jahren fragte, was er eigentlich für die Umwelt tue, musste der Firmenchef passen. Die nächste Frage ließ nicht lange auf sich warten: Warum er auf seinem Firmengelände keine Photovoltaikanlage betreibe. „Damals hat sich das wirtschaftlich nicht gerechnet“, erinnert sich der geschäftsführende Gesellschafter der Spedition Stickel mit Sitz in Nagold bei Stuttgart. Die Hartnäckigkeit seiner Tochter und später die Energiekrise hätten seinen Blick auf das Thema Nachhaltigkeit dann grundlegend verändert, berichtet electrive.net.
Heute zählt das baden-württembergische Unternehmen mit rund 100 Beschäftigten, einer Flotte von aktuell 69 Lkw und 15 Millionen Euro Jahresumsatz zu den Pionieren beim Einsatz batterieelektrischer Lkw im deutschen Mittelstand, und nimmt an einem Reallabor zum netzdienlichen E-Lkw-Laden der NetzeBW teil.

Förderkulisse als Gamechanger
Erste Gespräche mit dem Energieversorger EnBW habe es bereits 2020 gegeben. Damals lautete die Empfehlung noch, abzuwarten: Die Technologie sei für ein mittelständisches Unternehmen noch zu teuer. „Als später das Land Baden-Württemberg Förderprogramme für Ladeinfrastruktur und Fahrzeuge aufgelegt hat, änderte sich die Ausgangslage“, zitiert electrive.net den Geschäftsführer.
Stickel und sein Team begannen daraufhin mit einer detaillierten Planung, analysierten Lastspitzen, entwickelten ein Konzept für die Stromversorgung und beantragten Fördermittel für zehn E-Lkw. Mit Erfolg: Für den Aufbau der Ladeinfrastruktur auf dem Betriebsgelände erhielt das Unternehmen nach eigenen Angaben Zuschüsse von insgesamt etwa 240.000 Euro. Auch die Anschaffung der E-Lkw förderte das Land: Je Fahrzeug bekam Stickel zwischen 75.000 und 85.000 Euro Zuschuss.
Depot-Infrastruktur: 1.000-kW-Trafo und acht Ladepunkte
Ende 2024 gingen die ersten sechs elektrischen Mercedes eActros600 in Betrieb, wenige Monate später folgten vier MAN eTGX. Hinter einem eigenen 1.000-Kilowatt-Trafo stehen nach Angaben des Unternehmens vier Schnellladesäulen mit insgesamt acht Ladepunkten zur Verfügung: zwei Alpitronic-Lader mit jeweils bis zu 400 kW Leistung, deren Leistung sich beliebig splitten lässt, sowie ein System des Herstellers Kempower, das flexibel um weitere sechs Ladepunkte erweitert werden kann.
Ein intelligentes Lastmanagement steuert die Stromflüsse und verteilt die verfügbare Anschlussleistung auf die Trucks. Das ist entscheidend, weil ein 1-MW-Anschluss bei mehreren gleichzeitig ladenden Fahrzeugen schnell an seine Grenzen stößt, vergleichbar mit größeren Wallbox-Installationen und Lastmanagement im gewerblichen Bereich.

Netzdienlich laden im Reallabor
Stickel nimmt nach Bericht von electrive.net an einem kürzlich angestoßenen Reallabor zum netzdienlichen E-Lkw-Laden der NetzeBW teil. Im Fokus solcher Projekte steht typischerweise die Frage, wie sich Ladeleistung und Netzlast intelligent koppeln lassen, ohne den Transportbetrieb auszubremsen.
Vom Regionalverkehr bis nach Bremen
Stickel setzt die Fahrzeuge inzwischen sowohl im Regionalverkehr als auch auf längeren Strecken ein. Nach ersten Erfahrungen im Nahverkehr wagte sich das Unternehmen mit seinen MAN eTGX Ultra-Lowlinern schrittweise an Relationen nach Düsseldorf, Bremen oder Bayreuth heran. Geladen wird dabei unterwegs an Schnellladeparks mit bis zu 400 kW Leistung. Die gesetzlich vorgeschriebenen Fahrerpausen ließen sich häufig mit den Ladezeiten kombinieren. Zwar sei die Planung komplexer als im Dieselbetrieb, doch in der Praxis funktionierten die Fahrten inzwischen zuverlässig.

Kundenvorgaben als Beschleuniger
Neben dem eigenen Nachhaltigkeitsanspruch spielten auch die Kundenvorgaben eine Rolle bei der Entscheidung, Elektro-Nutzfahrzeuge anzuschaffen. Die Spedition arbeitet für Automobilhersteller und Zulieferer wie Mercedes-Benz, Porsche oder Bosch. „In Ausschreibungen tauchten zunehmend Anforderungen an emissionsarme Transporte auf“, berichtet Stickel. Für einen Auftraggeber wurde die geplante Nutzung von E-Lkw sogar zur Eintrittskarte in die Zusammenarbeit. Die Dekarbonisierung der Lieferkette entwickelt sich damit zunehmend zu einem Wettbewerbsfaktor für Logistikdienstleister.
Was die Stickel-Erfahrung für andere Flotten bedeutet
Die Spedition hat sich bewusst gegen einen vorsichtigen Einstieg mit einem einzelnen Fahrzeug entschieden. „Wir wollten die große Lösung realisieren, um organisatorische Abläufe, Fahrprofile und Wirtschaftlichkeit schneller bewerten zu können als bei einem einzelnen Testfahrzeug“, wird Stickel zitiert. Das Beispiel zeigt: Wer E-Lkw ab Tag 1 in bestehende Touren integrieren will, kommt um eine vorausschauende Lastmanagement- und Netzanschlussplanung nicht herum.
Hinweis für Fuhrparkverantwortliche
Bei mehreren leistungsstarken Ladepunkten am Depot lohnt sich die Analyse der eigenen Lastspitzen frühzeitig. Landes- und Bundesförderprogramme sowie ein durchdachtes Lastmanagement entscheiden häufig darüber, ob die Elektrifizierung wirtschaftlich darstellbar ist.
Häufige Fragen
- Wie viele E-Lkw betreibt die Spedition Stickel aktuell?
- Nach Angaben des Unternehmens sind seit Ende 2024 zehn batterieelektrische Lkw im täglichen Betrieb: sechs Mercedes eActros600 und vier MAN eTGX.
- Wie ist das Depotladen technisch aufgebaut?
- Hinter einem eigenen 1.000-kW-Trafo stehen vier Schnellladesäulen mit acht Ladepunkten, zwei Alpitronic-Geräte mit bis zu 400 kW sowie ein erweiterbares Kempower-System. Ein intelligentes Lastmanagement verteilt die Anschlussleistung auf die Fahrzeuge.
- Welche Förderung hat Stickel erhalten?
- Das Land Baden-Württemberg hat nach Unternehmensangaben den Aufbau der Ladeinfrastruktur mit rund 240.000 Euro bezuschusst. Pro E-Lkw erhielt die Spedition zwischen 75.000 und 85.000 Euro.



